„Man hört ihn kaum“, sagte Marlene.

„Nur, wenn er steckenbleibt. Wenden muss. Dann schon“, sagte Filippa und vor ihr im Geist wieder das Bild von gestern, als sie das Ding gekauft hatten zu dritt: ein Stück Kunstrasen vor dem Laden, ein Pappschaf darauf und der Rasenmähroboter, der auf dem winzigen plastikgrünen Fleck unaufhörlich hin und her fuhr. Sie lächelte.

Mutter, Tochter, Sohn standen auf der Terrasse und blickten in den Garten. Es war drückend heiß und still am Rand der Stadt. Dann auf einmal der Motor lauter, der Roboter drückte gegen einen Rosenstock und kam nicht weiter, mühte sich vergeblich ab. Bob fluchte, als er die Stufen hinunter in den Garten ging. Wahrscheinlich brauche es doch eine Begrenzung dort vor den Rosen, hörte er seine Mutter von hinten rufen, der Verkäufer habe ja gesagt …

Blödes Ding, dachte Bob, was für ein stupides Gerät, weit war es wirklich noch nicht her mit der Künstlichen Intelligenz, als der Roboter dann wieder mühelos auf der ebenen Grasfläche davonrollte. Warum überhaupt den Rasen mähen, wozu, dachte Bob und rief zur Terrasse hoch: „Nächstes Mal kaufen wir ein Schaf stattdessen.“

„Munir hätte es ja machen können. Der hätte es gern gemacht. Aber die Nachbarn …“, sagte Marlene und fuhr, als Bob wieder neben ihr stand, leiser fort: „Neulich hab ich sie in der Stadt beim Bäcker getroffen. Die Genfer Flüchtlingskonvention sei das Problem. Hat sie nicht direkt zu mir gesagt, ich habe es nur nebenbei aufgeschnappt. Sonst hätte ich etwas darauf erwidert. Aber so stehen die Dinge hier.“ Und sie deutete mit dem Kopf zum Nachbarhaus vorn an der Straße.

„Und so hast du nichts gesagt?“, fragte Bob.

„Nein. Ich hab ihr einen Blick zugeworfen. Damit sie weiß: Ich habe sie gehört.“

„Man kann trotzdem etwas sagen“, sagte Bob.

„Sagst du immer etwas, wenn du so etwas mithörst? Irgendwo? Im Zug, im Flieger?“, fragte Filippa.

„Ich höre nichts mit. Ich habe Kopfhörer. Und bin mit Denken beschäftigt. Aber wenn doch, dann ja. Wenn ich Unsinn höre, der auf Unwahrheiten beruht und für den es keinerlei faktischen Beweis gibt, und ich weiß das und kann es begründen, dann ja, natürlich“, antwortete Bob, „selbst wenn es der eigene Onkel ist. Wie wir wissen.“

Marlene lächelte. Er schien gutgelaunt, der Sohn, seit er hier war, ganz anders als zuletzt. „Die hohe Kunst der Diplomatie“, sagte sie dann und dachte, wie gern sie ihrem Sohn jetzt über das Haar striche, und sie blickte wieder zum Rasenmähroboter. Er hatte ja recht. Es war ihr auf der Zunge gelegen, etwas zu sagen, stattdessen hatte das den Ausschlag gegeben, es nicht zu wagen, Munir den Rasen mähen zu lassen gegen ein Taschengeld, sondern dieses teure Ding anzuschaffen, das sich jetzt weiter durch das Gras fraß.

Dann von drinnen Schubert, elektronisch, Marlenes Telefon. Sie ging hinein und Bob murmelte zu seiner Schwester: „Furchtbar, dieses Leben hier. Schau dir das an: nichts als Zäune und Rasensprinkler und fette SUVs.“

„Die westliche Glücksvision“, sagte Filippa, „die neue Shopping Mall ist auch bald fertig, direkt vor die Altstadt hingebaut.“ Und sie dachte an ihren Exfreund Matthias, daran, dass sie das Haus, das hier irgendwo stehen musste am Stadtrand, hätte wahrscheinlich mit ihm bauen können. Aber das wäre nicht ihr Leben gewesen, sie hatte weggehen müssen, so kompliziert und anstrengend ihr Leben heute war, hier zu bleiben war einfach keine Option gewesen.

Dann trat Marlene zurück auf die Terrasse und sagte: Eine Wohnung, Mojtaba und Kamran hätten eine Wohnung, und die Schwester und deren Mann könnten dort auch einziehen. Alle unter einem Dach, endlich sei das gelöst. – Innerhalb einer Woche Arbeit und Wohnung. Nach fünfzig vergeblichen Versuchen, eine Wohnung für sie aufzutreiben, nach den vielen Telefonaten, bei denen sie immer das gleiche gehört hatte – Migranten nein, unmöglich, an die würde nicht vermietet, schon gar nicht ohne Arbeit –, hatte sie jetzt eine Wohnung für sie gefunden. Durch reinen Zufall. Weil sie ihrer Kollegin, die sie am Friedhof getroffen hatte, von der Misere erzählt hatte. Und jetzt habe eine Freundin der Schwester der Kollegin angerufen, sie vermiete an die Flüchtlinge, im Nachbarort, das hieß, Kamran brauchte sie dann zwar erst recht als Fußball-Taxi, aber das würde sie schon hinkriegen.

„Und Arbeit hat sein Bruder auch?“, fragte Filippa.

„Ja, die hat er selber gefunden, über einen Freund, der dort schon arbeitet. Er wird Putzmann. Da braucht er kein Deutsch. Zum Kloputzen braucht er kein Deutsch.“

Sie schwiegen wieder, sahen dem Rasenmähroboter zu, wie er vor der Birke stoppte, die Richtung wechselte, sich weiterfraß.

„Ich bin so froh, dass jetzt endlich alles geregelt ist mit dem Erbe“, sagte Marlene dann, „das Geld müsstet ihr bald auf dem Konto haben. Was ihr damit macht, ist eure Sache, geht mich nichts an. Aber alles, was das Haus angeht und das Inventar, das müssen wir besprechen. Weil jetzt allen alles gehört. Sonst gibt es Streit.“ Sie sah zu Bob.

„Aber das kleine Reiseding, das ich genommen hab, ist so gut wie nichts wert im Gegensatz zu der Kamera, die sie genommen hat“, sagte Bob dann in Filippas Richtung.

„Die Leica ist auch keine von den ganz alten. Von denen weiß ich ja, dass sie wertvoll sind.“

„Jede Leica aus Dads Sammlung ist mehr wert als dieses kleine Reiseteleskop. Wenn es eine Leica ist. Ich glaube das ja nicht. Es gibt keine blauen oder blaugrauen Leicas.“

„Doch, gibt es. Ich kann doch lesen.“ Und Filippa dachte: Hoffentlich habe ich sie tatsächlich in Paris in der Wohnung vergessen und nicht verloren. Im Moment hatte sie keine Ahnung, wo die Kamera sein könnte, das war die Wahrheit.

Jetzt streiten sie schon wieder, dachte Marlene und sagte: „Ich sage, Teleskop und Kamera lassen wir einfach unter den Tisch fallen. Ich habe nämlich auch etwas genommen. Und dann hat einfach jeder einen Gegenstand, der ihm etwas bedeutet, den er gut gebrauchen kann, als Geschenk bekommen.“

„Was hast denn du genommen?“, fragte Filippa.

„Eines der Rennräder, ein älteres, für Samim, als Geschenk. Weil er den Sprachtest so gut bestanden hat. Er hat jetzt schon A2“, sagte Marlene. Und sie sah ihren Sohn losstürmen in Richtung der Garage und hörte ihn noch rufen: „Doch nicht das Colnago, oder?“

Sie hörte ihn nochmals etwas rufen und ging ihm nach. Was hatte ihr Sohn denn jetzt schon wieder.

Bob scannte die Wände der Garage mit seinem Blick. Er dachte: Wenigstens nicht das Colnago, das hing noch da. Welches fehlte dann? Er brauchte einen Moment. Dann fiel ihm ein: Es musste das Bianchi sein. Auch schade, dachte Bob. Er hörte seine Mutter und seine Schwester kommen und sagte: „Das geht nicht, dass hier einfach Dinge genommen und fortgegeben werden.“ Er begann, nach der Luftpumpe zu suchen.

„Aber du hast doch damit angefangen“, sagte Filippa.

„Aber ich habe etwas genommen, mit dem keiner von euch etwas anfangen kann und das nicht einmal fünfhundert Euro wert ist. Du hast etwas genommen, was viel mehr wert ist.“

„Weißt du doch gar nicht, wenn du nicht weißt, welche Kamera es ist“, sagte Filippa und dachte: Wenn ihr bloß einfiele, wo diese verdammte Kamera sein könnte, sie würde sie doch nicht im Flieger … Und sie hörte ihre Mutter fragen, was denn das Rad wert gewesen sein mochte, das sie verschenkt hatte und was überhaupt die ganzen Fahrräder hier wert wären.

Bob sagte, dass er nicht wisse, in welchem Zustand das Bianchi gewesen sei, aber auf achthundert bis tausend schätze er es schon. Das Teuerste sei das hier, er deutete auf ein schwarzes Rennrad an der Wand, das Pinarello Dogma, das habe sich der Vater doch erst letztes Jahr gekauft, das sei nagelneu und sicher noch zehntausend Euro wert. Das hier, er deutete mit dem Kopf auf das Colnago, dessen Hinterrad er dabei war aufzupumpen, habe dagegen nur noch Liebhaberwert. Aber eben, den habe es. Das sei ja eigentlich sein Rad gewesen, früher. Nachdem sich der Vater das Bianchi gekauft hatte. Da sei er mit dem hier gefahren, das würde sie ja wohl noch wissen, sagte er in Richtung seiner Mutter, und schob das Fahrrad dann aus der Garage hinaus in die Einfahrt.

Und Marlene versuchte sich zu erinnern und erinnerte sich dunkel, sah den Sohn, sah Hermann, sah sie streiten. Sie sah sie eigentlich vor allem streiten miteinander, dachte Marlene, ab einem gewissen Alter. Zuvor ein Herz und eine Seele …

„Dann sagen wir: Das Fahrrad gehört jetzt dir“, sagte sie dann. Die drei standen jetzt in der Einfahrt. Bob schwang sich in den Sattel, testete die Bremsen, fuhr eine Runde mit dem Rad.

„Und mit dem gesamten restlichen Inventar machen wir es so, wie wir gesagt haben. Ihr meldet ab jetzt alles mir, wenn ihr etwas mitnehmen wollt und ich vermerke es in der Inventarliste als verliehen“, sagte Marlene. „So wolltet ihr es doch haben – kommunistisch.“

„Aber so ist es am gerechtesten“, sagte Filippa. Sie saß auf der Vortreppe und sah zu Boden. „Und wenn jemand wirklich einzelne Gegenstände nur für sich allein haben will, kann er sie den anderen ja abkaufen.“ Sie sah ihre Mutter an.

Marlene schüttelte den Kopf. „Und wenn die nicht einverstanden sind? Was dann? Es hat schon einen Grund, warum der Kommunismus gescheitert ist.“

„Dann braucht es eben Kriterien, die alle nachvollziehen können, die entscheiden, ob jemand das Ding für sich allein bekommt oder nicht. Notwendigkeit zum Beispiel“, sagte Filippa und sah wieder zu Boden. „So ist es jedenfalls am gerechtesten. Und Gerechtigkeit ist wichtig.“

„Ach, Pippa, was ist denn schon gerecht.“ Marlene zuckte die Schultern, „andere erben überhaupt nichts. Oder nur Krieg.“ Sie sah ihre Tochter an. Sie machte sich zu viele Sorgen, ihre Tochter, um alles, dachte sie. Aber das durfte sie wahrscheinlich wirklich nicht wundern. Sie hatten die Kinder vollkommen falsch erzogen mit ihren hehren Idealen, ganz verkehrt für diese Welt.

[…]

Und dann hörte Marlene ihren Sohn rufen, dass er jetzt Radfahren ginge. Um den Roboter müsse sie sich nicht mehr kümmern, der mache jetzt alles allein.

Und Marlene dachte: Und auf einmal fährt der Sohn jetzt wieder Fahrrad. Jahrelang nie, hier zu Hause, mit dem Vater, nie mehr, und jetzt plötzlich …

[…]

Abends saß Filippa auf dem Balkon. Die Luft war angenehm, die Hitze fort. Die Berge in der Ferne schon ganz dunkel, die Sonne nur noch ein schwaches zartrotes Leuchten, der Himmel ultramarin. Es war die blaue Stunde. Die mochte sie sehr.

[…]

Die Grillen laut wie selten heute, dachte Filippa, und alles fühlte sich wie früher an. Hier zu sitzen, wie vor fünfzehn, zwanzig Jahren, als sie auch hier gesessen war, immer zu dieser Stunde auf dieser Bank, die jetzt wie damals so schön warm war, Julihitze in sich trug. Und in der Luft Sommergeruch, später Holunder, der Strauch im Garten blühte immer noch.

Bob trat aus seinem Zimmer, streckte sich, fühlte die Radkilometer wohlig in den Muskeln. Er sah seine Schwester auf der Bank sitzen. Ein bisschen traurig sah sie aus, dachte er, wieder einmal, und er setzte sich zu ihr, stupste sie sanft mit seiner Schulter an. „Wie geht es dir?“

Filippa zuckte die Schultern. „Schlecht“, sagte sie dann.

„Warum, Flippa?“

Sie zuckte wieder die Schultern. „Vielleicht weil ich kein Delfin bin. Obwohl du mich so nennst. Hör endlich auf damit.“ Sie spürte plötzlich Wut in sich auf diesen Namen, auf all die Namen, die man ihr gab, Pippa, Flip, Flippa, Flippita … Warum taufte sie jeder, wie es ihm passte?

„Aber der Flipper aus der Fernsehserie war ein hyperintelligentes Tier. Ein Superstar. Delfine sind mindestens so intelligent wie Menschen. Sie sind echte Individuen, sie sind hervorragende Analytiker und können lange intensiv und anhaltend leiden. Du siehst die Parallelen?“

„Okay, dann bin ich traurig, weil ich ein Delfin bin. Und ich in dieser Gesellschaft fremd bin, mich die anderen nicht verstehen.“

„Welcome to my world.“ Bob lachte kurz. Er zupfte am Lack des Fensterladens neben sich herum, der an einer Stelle abblätterte. „Wegen dieser E-Mail-Geschichte neulich, oder?“

Filippa nickte. „Nicht nur deshalb, aber schon auch deshalb. Ich meine, warum will ich denn nicht über Diversity-Management reden an der Uni so wie die anderen? Warum muss ich denn widersprechen und stattdessen einen Schreibworkshop vorschlagen? Bin ich zu leistungsfixiert?“

„Aber es hat doch gar keiner auf deinen Vorschlag Bezug genommen.“

„Nein, und das ärgert mich im Nachhinein am allermeisten: Dass ich am Ende nur kurz geschrieben habe, dass ich es bedauerlich fände, dass dieser Teil des Gesprächs gar nicht in die Diskussion aufgenommen wurde, der gezeigt hätte, dass ich natürlich nicht per se etwas gegen Diversity-Management habe, aber dass ich etwas anderes zu stärken vielleicht mindestens genauso wichtig fände – nämlich die Fähigkeit im schriftlichen Ausdruck, die immer weiter abnimmt, worin sich ja im Grunde alle einig seien. Dass ich aber natürlich wisse, dass das eine im Prinzip nicht mit dem anderen vergleichbar sei. – Das heißt, ich habe mich am Ende selber entschuldigt, implizit. Und das ärgert mich.“

Bob hörte auf, am Lack herumzuzupfen und streckte seine Beine aus, verschränkte die Hände im Nacken, dachte: schöner Himmel.

„Vielleicht ist mein Problem wirklich, dass ich ein Delfin bin unter Menschen“, fuhr Filippa fort. „Die Menschen nehmen keine Rücksicht auf so jemanden, auf sein Anderssein, sein Introvertiertsein, sein Delfinsein eben. Obwohl sie sich diversity groß auf die Fahnen schreiben. Verstehst du? Das ist für mich das Absurde daran: Es wird so viel von diversity gesprochen, aber bei der Art und Weise der Durchsetzung von diversity gibt es nicht so viel Diversität. Da gibt es offenbar genau nur eine einzige best practice und die heißt: Wir müssen über alles öffentlich reden. Auch über das Allerprivateste – wie die eigene sexuelle Orientierung. Ich meine, was soll denn Diversity-Management überhaupt bedeuten? Wörtlich übersetzt heißt das: die Handhabung von Vielfalt. Und die beginnt doch damit, den anderen sein zu lassen, so wie er ist. Oder nicht? Und deshalb verstehe ich es nicht, dass man mich so angreift. Ich finde das nicht fair. Das ist für mich jedenfalls keine best practice in diversity management.“

„Vielleicht musst du nach Japan ziehen“, sagte Bob und dachte, er würde sicher gut schlafen heute. „Es gibt da eine Insel, auf der die Fischer Delfine zu Mitbürgern erklärt haben, ihnen die gleichen Rechte einräumen wie den Menschentieren. Weil sie eben mindestens genauso intelligent sind wie wir. Und genauso verletzlich. Weil sie genauso intensiv empfinden. Und sich Namen geben und um Tote trauern und so weiter.“

Filippa sah ihn an. Offenbar ging es ihm wirklich wieder gut. So gesprächig hatte sie ihn lange nicht erlebt. Und Vaters Tod hatte er einfach weggesteckt, ohne größere Krise. Konnte das sein, fragte sie sich.

Und dann dachte sie: Jetzt war er dran, er hatte sich gerade selber überführt. Und sie fragte ihn, ob er das alles wisse, weil seine Freundin Zoologin sei und zu Delfinen forsche oder ob er die dunkle Materie an den Nagel gehängt habe, weil er plötzlich, inspiriert von ihrem Kosenamen, über Nacht eine Obsession für Meeressäugetiere entwickelt habe.

Bob schwieg einen Moment und dann sagte er, dass man dunkle Materie nicht an einen Nagel hängen könne. Filippa antwortete, dass er nicht ablenken solle vom Thema. Bob sagte, dass sie doch abgelenkt habe vom Thema. Und dann sagte er, dass es wichtig sei, präzise zu sein – weil die Gesellschaft nämlich nicht präzise sei, deshalb käme es ja überhaupt zu solchen Kränkungen wie der, die sie selber erlebt hatte, oder auch der, die er erlebt hatte, als am Arbeitsmarkt diskriminierter Mann.

Das Problem mit dieser Diversitätsmanagement-best practice sei seiner Meinung nach, dass sie viel zu ungenau operiere. Sie laufe paradoxerweise echter Diversität sogar zuwider. Denn diese Diversitätsmanagementvorkämpfer und Quotenregler sähen eine so komplexe Entität wie ein menschliches Individuum einfach nicht als etwas Komplexes-Ganzes – obwohl der Begriff Individuum von seiner Herkunft her genau das sagte, nämlich dass es unteilbar war. Trotzdem würde ständig versucht, es aufzusplitten, würden nur einige wenige bestimmte Merkmale, wie etwa Geschlechtlichkeit, Herkunft oder Hautfarbe, herausgepickt, während andere kaum gesehen würden, wie zum Beispiel ihr ruhiges, introvertiertes Delfintemperament – also all das, was ein Individuum tatsächlich erst einzigartig mache, anstatt es nur als Teil einer Gruppe auszuweisen. Und er glaube, die Gesellschaft sei da einfach auf dem Holzweg, denn letztlich würde man einem Individuum so nie gerecht, man erfasse nicht sein Wesen als Singularität.

In der Kosmologie sei das Problem jedenfalls genau so eine Stilfrage: Die Leute versuchten immer noch, den alten Newton-Stil auf den gesamten Kosmos anzuwenden. Dabei beruhe der Newton-Stil auf Simplifizierung, Fragmentierung und Idealisierung, man wisse das. Und deshalb würde er dem hyperkomplexen alles umfassenden Einzelfall, der der Kosmos nun einmal war, niemals gerecht. Aber viele Leute ignorierten das nach wie vor und täten so, als sei dieser etablierte Newton-Stil schon das Beste, was wir zu denken im Stande wären, als gäbe es gar keine andere Möglichkeit zu denken. „Weil die meisten einfach zu schwach sind, sich einzugestehen, dass wir im Grunde immer noch sehr wenig wissen, trotz allen Fortschritts“, sagte Bob, „sie halten das einfach nicht aus, wenn etwas größer ist als sie. Und deshalb reden sie sich selber groß und tun so, als hätten sie eine best practice. Dabei kann es die vielleicht in Wahrheit gar nie geben, sondern nur als Utopie. Und als solche ist sie essentiell. Ich habe viel darüber nachgedacht in der letzten Zeit, also über diese Stilfrage.“

Bob und Filippa schwiegen. Er hatte recht, dachte Filippa, mit dem, was er da sagte, zur Leibnizschen besten aller Welten führte diese best practice sicher nicht.

Er klopfte ihr auf den Oberschenkel, sagte: „Aber wenn dich ein System aussortiert, weil es zum Beispiel glaubt, dass du als weißer Mann das Erbe deiner Väter einfach auszubaden hast, dann musst du dir eben woanders einen Platz suchen und selber ein neues, eigenes etablieren. Vielleicht landen wir wirklich beide noch in Japan, auf dieser Insel.“

Filippa dachte: Das war jetzt eins zu eins gewesen so wie früher bei Papa, alles – Gestik, Wortwahl, Tonfall – eins zu eins wie er. Sie nickte, sah ihn an, spürte, wie er ihr auf die Schulter klopfte.

„Und ist jetzt diese Zoe deine Freundin oder nicht?“, fragte Filippa dann.

Bob lachte, schüttelte den Kopf und schwieg. Er sah nach vorne, in den Himmel. Das letzte Rot war fort, die Welt ein reines dunkles Blau.

Filippa sah Bob an und dann wieder nach vorn. Er würde sie jetzt einfach niederschweigen, der kleine Bruder, sie wusste das genau. Wenn er nichts sagen wollte, dann sagte er ganz einfach nichts. Weil er das konnte – einfach schweigen. Er konnte das. Aber sie war sich sicher jetzt, dass er nicht so allein war, dass es eine Freundin gab und dass das wahrscheinlich diese Zoe war.

„Und warum geht es dir neuerdings so gut?“, fragte sie dann nach einer Weile, „obwohl man dich so ungerecht das Vatererbe ausbaden lässt und die Welt am falschen Stil krepiert. Sag mir wenigstens das.“

„Weil ich eine E-Mail bekommen habe aus Kanada. Von dem Professor, bei dem ich mich habilitieren möchte. Er hat geschrieben, ich solle mich bewerben, für das kommende Studienjahr sei es zu spät, aber im Jahr darauf seien wieder Plätze frei. Er hat sehr freundlich geschrieben.“ Und sofort war da wieder das Triumphgefühl in ihm, wenn er daran dachte, als er die Mail gelesen hatte. Und dann fügte er hinzu: „Und ich habe ein Stellenangebot.“

Dann war ja wirklich wieder alles bestens bei ihrem Bruder, dachte Filippa, während es bei ihr kontinuierlich bergab zu gehen schien. Sie schwieg. Sie hörte ihren Bruder fragen: „Und was ist das andere, weshalb du depressiv bist?“

„Nicht depressiv – traurig“, sagte Filippa und dachte: Soll ich es ihm jetzt wirklich sagen? Er will doch selber keine Kinder. Und er weiß sicher nichts darauf zu sagen. Aber egal, warum denn nicht, und sie sagte: „Weil ich nicht schwanger werde.“

Und Marlene stand direkt unter den beiden, im Erdgeschoß, in der offenen Terrassentür, und dachte: Ich habe nicht absichtlich mitgehört, ich wollte nur die Türe schließen, ich habe nicht gewusst, dass sie dort sitzen, beide. Erst als sie zu sprechen begonnen haben, da habe ich es gewusst. Und dann musste ich einfach zuhören, ich musste.

Ich muss es ihnen ja nicht sagen, vor allem Bob nicht, dachte sie, als sie sich abwandte, die Türe offen stehen ließ. Sie ging in die Küche. Und sie fühlte, wie ihr ein Stein vom Herzen fiel. Der Bub ist gerettet, dachte sie. Er hat wieder eine Stelle. Hermann, dein Sohn hat eine Stelle. War das eine Erleichterung, dachte sie, während sie sich ein Glas Wein einschenkte.

Blieb ihre Tochter, dachte sie im nächsten Augenblick, und seufzte. Kaum stand der eine wieder auf solidem Grund, drohte die andere zu sinken. Sie stand mit ihrem Glas am Küchenfenster, sah nach draußen, sah in die Einfahrt, sah das geparkte weiße Auto im Abenddämmerdunkel und nahm einen Schluck Wein. Sie hatte es geahnt, so blass und dürr und down, wie Pippa all die Monate gewesen war. Ihr armes Mädchen.

Und was konnte sie tun. Immer diese Frage: Was kann ich tun? Und immer das Gefühl: Wenig, wenig bis nichts. Keine Macht, keine Kontrolle, immer nur die Sorge. Um die anderen. Die Sorge. Um ein Kind. Sie nahm noch einen großen Schluck. Und warum stand sie so oft hier, an diesem Fenster, und sah dorthin, genau dorthin, zu dieser Stelle.



Friederike Gösweiner
DE: geb. 1980 in Rum (Österreich), studierte in Innsbruck Germanistik und Politikwissenschaft und promovierte 2009 mit einer Arbeit über Einsamkeit in der jungen deutschsprachigen Literatur der Gegenwart. Seither arbeitet sie als freie Autorin, Literaturkritikerin und Korrektorin. Ihr Debütroman Traurige Freiheit (Droschl 2016) wurde mit dem Österreichischen Buchpreis (Debüt) ausgezeichnet, ihr erstes Libretto, basierend auf Yasushi Inoues Novelle Das Jagdgewehr für den Komponisten Thomas Larcher, wurde 2018 bei den Bregenzer Festspielen uraufgeführt. Ihr zweiter Roman Regenbogenweiß erscheint im Frühling 2022.

PL: ur. 1980 r. w Rum (Austria), studiowała germanistykę i politologię w Innsbrucku. W 2009 r. obroniła pracę doktorską o samotności w młodej współczesnej literaturze niemieckojęzycznej. Pracuje jako niezależna autorka, krytyczka literacka i korektorka. Za pierwszą powieść Traurige Freiheit (Droschl 2016) otrzymała Austriacką Nagrodę Literacką za najlepszy debiut; jej pierwsze libretto na bazie noweli Yasushi Inoue Das Jagdgewehr dla kompozytora Thomasa Larchera miało premierę na festiwalu w Bregencji w 2018 r. Jej druga powieść Regenbogenweiß ukaże się wiosną 2022 r.

Ola Szczepaniak (ur. 1997) – studentka grafiki na warszawskiej ASP, główna redaktorka graficzna magazynu Wizje. Zajmuje się ilustracją i projektowaniem graficznym. Uwielbia papier, i to, jakie stwarza możliwości. Najbardziej inspirują ją polskie ilustracje i plakaty lat 50 i 60. Miłośniczka długich poranków. instagram