Impuls und Vernetzung

Im Frühjahr dieses Jahres schrieb die Österreichische Gesellschaft für Literatur gemeinsam mit dem Bundesministerium für Europäische und Internationale Angelegenheiten die „Internationalen Literaturdialoge“ aus: Ausgelobt wurden Preisgelder für literarische Projekte, die über die österreichischen Grenzen hinaus entwickelt werden, sich mit drängenden Fragen der Gegenwart sowie mit Zukunftsthemen beschäftigen.

Während in den Lockdown-Monaten einerseits das kulturelle Leben erstarrte und verstummte, entwickelten sich andererseits neue Formate, Netzwerke und Ideen. Dank der technischen Möglichkeiten spielen geographische Distanzen auf einmal keine Rolle mehr, und auch wenn gestreamte Veranstaltungen und Videomeetings das Live-Erlebnis und die echte Begegnung niemals ersetzen können, liegt in ihnen doch eine Chance.

Als mich Agnieszka Borkiewicz vom Österreichischen Kulturforum Warschau im April nach meiner (virtuellen) Lesung ebendort darauf angesprochen hat, ob man im Rahmen dieser Ausschreibung denn nicht auch an eine österreichisch-polnische Anthologie denken könnte, fand ich durchaus Gefallen daran. Ich teilte die Idee mit Claudia Tondl, die nicht nur als literarische Stimme in so einer Auswahl keinesfalls fehlen darf, sondern auch Erfahrung mit größeren Projekten und deren Durchführung hat und zudem einen besonders wachen Blick auf die gegenwärtige Literaturlandschaft in Österreich wirft. Ihre Bereitschaft, alles Notwendige in die Wege zu leiten, legte den Grundstein für das Entstehen dieser Sonderausgabe, die nicht zuletzt durch die große Anzahl an Beteiligten heraussticht: Sechs österreichische Autorinnen und Autoren, sechs polnische Übersetzerinnen und Übersetzer, sechs polnische Illustratorinnen und Illustratoren, die Redaktion des Magazins und nicht zuletzt in unterstützender Funktion das österreichische Kulturforum Warschau mit Kulturattachée und Vizedirektorin Ernestine Baig. Die Kommunikation zwischen den Beteiligten verlief in unterschiedlicher Intensität auf mehreren Ebenen und Kanälen und hinterließ nachhaltige Verbindungen, die allesamt vielversprechend in die Zukunft weisen.

Augen auf oder Augen zu?

Um den Texten eine thematische, der Ausschreibung angemessene Klammer zu geben, schlug die Redaktion den Titel „Visionen der Zukunft“ vor.

Der Begriff „Vision“ spielt in seiner religiösen Ausprägung heutzutage kaum mehr eine Rolle und ist besonders häufig in der Wirtschaft anzutreffen, wo Vision mit einem „strategischen Ziel“ gleichgesetzt wird. Eine Vision soll motivieren, eine Richtung vorgeben. Der Umkehrschluss lautet, dass Visionär:innen wissen, wo es langgehen soll. Wie verträgt sich das nun mit der Literatur, die geradezu davon lebt, sich mit Unbestimmtem, mit Nicht-Greifbarem zu beschäftigen, Spurensuche zu betreiben, geduldig nach dem tieferen Verständnis einer Sache zu forschen? Die Beiträge der Autorinnen und Autoren zeigen, dass es nicht darum geht, ein perfektes (oder dystopisches, auf jeden Fall ein vollendetes) Bild einer Gesellschaft, einer Weltgemeinschaft zu entwerfen oder Wahrsagern gleich in die Zukunft zu blicken, sondern dass es in unserer heutigen Zeit eher angebracht ist, Schritt für Schritt die Diskrepanz zwischen Ist-Zustand und Soll-Zustand zu überdenken und vielleicht zu überwinden. Und, noch wichtiger, die Zukunft als etwas anzuerkennen, das jetzt passiert und nicht irgendwann später: „Die Zukunft wird auch nur Gegenwart sein. Das Gefühl ,Zukunft’ dagegen ist ein Moment des Kippens, wenn die Gegenwart unvertraut wird, man nicht mehr glaubt, was einen umgibt“ (Thomas Stangl).

Die Texte, die uns Ende Juli erreicht haben, sind so vielfältig wie die literarischen Stimmen, die die gegenwärtige österreichische Literaturlandschaft prägen. Bei den Einladungen der Autorinnen und Autoren spielten äußere Parameter wie das Verhältnis von arrivierteren Autor:innen zu Debütant:innen, Männern zu Frauen, Prosa zu Lyrik, Essay usw. zwar eine Rolle, wesentlicher jedoch war die Frage, was die Kolleginnen und Kollegen im Moment umtreibt, wer sich zu dieser Thematik äußern könnte bzw. wer sich in seiner gegenwärtigen Arbeit mit Zukunftsfragen beschäftigt. Ganz bewusst sollte dieser Prozess die „Autor:innenperspektive“ verfolgen, was sich naturgemäß etwas vom Zugang, den Literaturveranstalter:innen, Verleger:innen, Kritiker:innen im Hinblick auf die Auswahl von Texten haben, unterscheidet.

Privatheit und Gesellschaft

Der kleinste gemeinsame Nenner der hier vorliegenden Texte, so könnte man sagen, ist das Spannungsverhältnis von Privatheit zu Öffentlichkeit, von persönlichem, abgegrenztem Raum zur Welt, von punktuellem Erleben zu gesamtgesellschaftlichen Veränderungen.

In meinem Textbeitrag Palimpsest, der von einer größeren Arbeit inspiriert ist, welche gerade auf meinem Schreibtisch liegt, lebt eine Mutter mit ihren beiden Töchtern in einer eigentümlichen Parallelwelt, was zur völligen sozialen Isolation führt. Diese Konstellation ist eine Zuspitzung der vielzitierten Blasen, in denen wir leben, welche immer kleiner werden und die sich immer weiter voneinander zu entfernen scheinen. Gleichzeitig wird immer unklarer, wofür der Einzelne zuständig ist, wofür wir alle, wo Verantwortung endet, wo Einmischung beginnt, wo Erziehung ihre Grenzen hat, wo man von übergriffigem Verhalten sprechen muss. Besondere Bedeutung kommt der Macht der Sprache zu, die ich als etwas begreife, das unsere Wahrnehmung der Welt nicht nur abbildet, sondern formt. Wie lange kann man einem Gegenüber etwas vorgaukeln? Wie leicht lassen wir uns von Erzählungen beeinflussen? Was sind die Korrektoren dessen, was wir als (erzählte) Wahrheit begreifen?

Franziska Füchsl, deren Prosadebüt Tagwan im vergangenen Jahr erschienen ist, beschäftigte sich darin mit „Wanderschaften durch wunderliche Landstriche“. Ihr sprachexperimenteller Zugang setzt sich in ihrem Textbeitrag Schlitze fort, der das Verhältnis von Sinnlichkeit und Technik bzw. von Poesie und Fachsprache auf herausfordernde, ungewöhnliche Art und Weise verhandelt. Lautmalerische Elemente, rhythmische Verschiebungen, Auffälligkeiten in der Groß- und Kleinschreibung sowie der Zeichensetzung sind äußere Kennzeichen eines Textes, in dem Haut und Metall, Stille und Lärm, Blumen und Gewinde auf eine Art und Weise nebeneinander stehen, als wären sie seit jeher Eins: „noch ist nicht gesagt, was Abfall, was Produkt ist“. Füchsl möchte ihren Text als Diskussionsgrundlage verstanden wissen, als einen unfertigen, fluiden Teil von etwas im Entstehen Begriffenen. Die Zukunft des Textes ist, so könnte man sagen, diesen Zeilen zwar bereits eingeschrieben, jedoch noch alles andere als absehbar oder gar greifbar.

Einen raffinierten Zoom-Effekt nützt die Dramatikerin Claudia Tondl, die in ihren jüngeren Arbeiten zunehmend nach neuen Formen des Erzählens sucht. Gleich zu Beginn ihres Textes Topographie der Vorstellungskraft gelangt sie in wenigen Sätzen vom Allgemeinen zum Konkreten und schält ein Individuum aus den Milliarden anderer Individuen heraus: „Irgendwo ein Ort. In diesem Ort eine Straße. In dieser Straße ein Haus. In diesem Haus ein Zimmer. In diesem Zimmer ein Schreibtisch. An diesem Schreibtisch sitzt du.“ Nicht nur Zeit und Raum werden mit nahezu spielerischer Leichtigkeit im schönsten Sinn des Wortes entgrenzt, sondern auch gesellschaftliche Übereinkommen als etwas entlarvt, das letztendlich nicht mehr Gewicht hat als jeder beliebige flüchtige Gedanke. Ausgehend von einer Beschreibung ihres Schreibtisches regt Claudia Tondl kraft der Möglichkeiten, die nur die Literatur bietet, zunächst unsere Phantasie an und lässt die in Kippstellung gebrachte Schreibtischplatte alsbald in den Farben des Regenbogens erstrahlen: „Go with the flow“. Eine Verbeugung vor der Kraft der Worte und der Magie der Literatur verbunden mit der Feststellung, dass die Zukunft nicht einfach so vom Himmel fällt, sondern immer eine Entscheidung ist.

Auch Friederike Gösweiners Textbeitrag hat, allerdings auf andere Art und Weise, mit einem Regenbogen zu tun. Regenbogenweiß ist der Titel ihres neuen Romans, der 2022 erscheinen wird, ihr Textbeitrag ist ein Auszug daraus. Wie schon in ihrem Debütroman Traurige Freiheit, in dem sie die Nöte einer Generation aufgegriffen hat, auf die niemand mehr wartet, richtet sie auch hier ihren Fokus auf das Hier und Jetzt, auf Risse und Konflikte in unserer Gesellschaft, die nicht imstande ist, ihre Probleme zu lösen: Die „westliche Glücksvision“ besteht aus Einfamilienhäusern, Zäunen, Rasensprinklern und SUVs. Man kauft lieber einen Rasenmähroboter, als einen Flüchtling zu beschäftigen (wegen der Nachbarn), man versucht, das Erbe des Vaters „gerecht“ zu verwalten (und schürt doch nur Misstrauen und Streit), hinterfragt das Konzept hinter dem sogenannten „Diversitätsmanagement“ (dessen einzige Prämisse es sei, öffentlich über alles zu reden) und verzettelt sich dabei in Simplifizierungen. Eine Generation, für die es längst nicht mehr bergauf geht, für die Stillstand der Normalzustand ist: „Immer diese Frage: Was kann ich tun? Und immer das Gefühl: Wenig, wenig bis nichts.“

Einen frei schwingenden, lyrischen Ton wiederum schlägt Michael Stavaric an. Während er in seinem jüngsten Roman Fremdes Licht noch voller Spielfreude die Grenzen zwischen Vergangenheit und (ferner) Zukunft verwischt, sich in unterschiedlichen Landschaften, Kulturen, Kontinenten und sogar im Weltall bewegt, lässt er uns in seinem Textbeitrag an einer sehr intimen Zweisamkeit teilhaben. Schon im ersten Vers prallen Vergangenheit und Zukunft hart aneinander: „Wenn wir über die Zukunft sprachen, legten wir uns auf den Rücken und stellten uns / allerlei vor: (…)“ Der Mensch wird als ein die Erdoberfläche besiedelndes Wesen dargestellt, das keine Sterne mehr sieht (sehen möchte?), sondern sich lieber gesund ernährt und der Besatzung der ISS mit Strandfeuern anzeigt, wo die Umrisse des Kontinents sind. Pakte mit dem Ozean und mit dem Wind müssen geschlossen werden, um noch einigermaßen unbeschadet weiterleben zu können, bezahlt wird mit Gedichten und Unterwäsche von der Leine. Poetisch und ironisch zugleich untersucht Stavaric einige Elemente unserer heutigen Lebensweise, die durch den gebrochenen Blick umso merkwürdiger anmuten. Man kann nur hoffen, dass nicht eintrifft, was Stavaric hier als Gedanken entwirft: „Die Zukunft in der Zukunft war nur noch ein beiges Kleid, das niemand tragen wollte.“

Thomas Stangl schließlich gewährt in seinem Text Aus der Entfernung einen behutsamen und zugleich sehr weisen Blick darauf, wie man sich dem Begriff bzw. dem Konzept „Zukunft“ nähern könnte. Ausgehend von einer sehr kurzen, an sich unbedeutenden Begegnung mit einer unbekannten Frau, die dem erzählenden Ich aufgrund einer kleinen, beinahe erotischen Geste in Erinnerung bleibt, schreibt er über Distanz und Sehnsucht, konkrete Berührungspunkte und „zwischen die Grenzen zweier Zeitpunkte geschobene Unendlichkeit“. Der Tod der Frau markiert zweifelsohne ein Ende (auch der unbestimmten Sehnsucht) und ist zugleich der Beginn eines Nachdenkens, einer Spurensuche. Die Distanz sei immer schon dagewesen, stellt das Ich fest, füllen ließe sie sich durch Erfindung – doch ist das nicht Anmaßung? Eine googlebare, tatsachenorientierte, optimierte Wirklichkeit jedenfalls ist nichts, was das Ich sich wünscht: „ Wenn ich in den Spiegel schaue, dann ist da ein Haufen manipulierter Information. Etwas, das mich darstellt. Man könnte es perfektionieren, aber ich weiß nicht recht, wozu.“ Möglichkeiten statt (scheinbarer) Fakten, neue Räume, ein unbestimmtes Feld aus Licht und Schatten: „Darum ginge es”.



Carolina Schutti
DE: Carolina Schutti wurde 1976 in Innsbruck geboren, wo sie auch lebt. Sie studierte Germanistik, Anglistik, Amerikanistik und klassische Gitarre und absolvierte eine Gesangsausbildung. Ihr erster Roman erschien 2010, weitere Romane, eine Novelle, ein Lyrikband, Hörspiele und Texte für intermediale Projekte folgten. Ihr Werk erhielt mehrere Auszeichnungen und wurde bislang in 16 Sprachen übersetzt.

PL: Carolina Schutti urodziła się i mieszka w Innsbrucku. Studiowała germanistykę, anglistykę, amerykanistykę, gitarę klasyczną i śpiew. Jej pierwsza powieść ukazała się w roku 2010, w kolejnych latach wydała powieści, nowele, tom poezji, słuchowiska i teksty do projektów intermedialnych. Wielokrotnie nagradzana, jej teksty ukazały się dotychczas w szesnastu językach.

Karolina Lubaszko (ur. 1994) – ilustrator i grafik, Warszawa. Ukończona Akademia Sztuk Pięknych w Warszawie z wyróżnieniem rektorskim w specjalizacjach: Projektowanie plakatu i grafika wydawnicza oraz Grafika warsztatowa. Plakaty, ilustracje oraz grafiki wydawnicze głównie przy użyciu techniki sitodruku. Szkicowniki w każdym wolnym momencie. Prace są docenieniem dla prostych sytuacji i zwykłych, codziennych obiektów. Publikuje w dwóch miejscach: BEHANCE INSTAGRAM